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Sonntag, 25. Februar 2001
Kulturschock Nepal
Wir sind entschieden zu "deutsch"
für dieses Land !!! Ja, im rechten Licht dieser Umgebung betrachtet sind
wir regelrechte Prachtexemplare eines "Deutschen", die allen dieser Gattung
zugesprochenen Eigenschaften von Ordentlichkeit, Pünktlichkeit und Sauberkeit
hervorragend gerecht werden. Wenn uns dies jemand vor 1 Jahr gesagt hätte,
hätten wir sicherlich noch empört abgewehrt. Doch es ist wahr.
Die folgenden Geschichten sind
durchaus kein Einzelfall, sondern es ist hier überall so...all´ unsere
Kollegen haben bereits die ähnlichen Erfahrungen mit ähnlichen Gefühlen
dabei gesammelt...
....ich kann es nicht mit ansehen,
wenn die Nepalis die Seiten eines nagelneuen Buches umblättern. Das das
Buch eventuell auch noch meines ist und meine Kollegen es ohne eine Frage
von meinem Schreibtisch genommen haben, stört niemanden wirklich und fällt
auch schon gar nicht mehr ins Gewicht. Nachdem sie Daumen und Zeigefinger
ausgiebig im Mund befeuchtet haben, wird Seite für Seite zwischen den
Fingerkuppen eingezogen, ein Verfahren, das sowohl einen unansehnlichen
Fleck als auch einen nicht mehr zu glättenden Knick in der unteren Ecke
jeder Seite hinterlässt. Mir ist dabei jedesmal so, als hörte ich jede
einzelne Seite des Buches unter dieser Folter aufschreien. Auch habe ich
mich bis heute nicht daran gewöhnt, dass unser Bote die Vorlagen, die
ich quasi jungfräulich aus dem Drucker gezogen und säuberlich ins Büro
nebenan getragen habe, unter sein schmutziges, verschwitztes Hemd steckt,
um sie zum 5 Minuten entfernt stehenden Kopierer zu tragen. An so manch´
hitzigem Tag (40 Grad im Schatten) sehen im Nachhinein sowohl die Kopien
als auch die Vorlagen so aus, als hätte er er sie soeben aus dem Kanal
gezogen. Die schöne Plastik-Dokumententasche, die ich ihm in meiner Verzweiflung
kaufte, hat er wohl ein-zweimal benutzt, danach habe ich sie nicht mehr
gesehen, und auch meine Nachfragen führten zu keinem Ergebnis. Generell
kann ich mich mit der gesamten nepalesischen Handhabung von Papier nicht
anfreuden. Gibt man einem Nepali ein Papier in die Hand, so kann man sicher
sein, dass man es - sofern überhaupt - auf das praktische Hemdtaschenformat
zurechtgefaltet, zurückbekommt. Dabei ist völlig unerheblich, ob es sich
um eine wichtige Urkunde, einen zu verschickenden Brief oder die Einkaufsliste
vergangener Woche handelt. Papier ist Papier, und das muss gefaltet werden.
Nachdem dieses nepalesische Origamie einigen Dokumenten widerfuhr, die
ich meinem Chef zur Durchsicht gab, startete ich einen Gegenangriff. Ich
weigerte mich schlichtweg mit geknickten Vorlagen oder sonstigen malträtierten
Dokumenten weiterzuarbeiten. Wenn heute meine Kollegen oder mein Chef
ein Blatt Papier in der Hand halten, reicht ein ernsthafter Blick meinerseits,
um dem Papier jede weitere Verkleinerung zu ersparen.
Auch die Vorteile eines einheitlichen
Blattformates und des Anbringen der Löcher in der Mitte der Seite, scheinen
sich den Nepalis nicht so recht zu erschliessen. So ragen regelmässig
Seiten oben und unten aus den Ordnern, was ihrem Aussehen nicht gerade
zuträglich ist.
In den Augen meiner Kollegen
muss ich ein regelrechter Papierfetischist sein und mittlerweile glaube
ich das manchmal auch.
Es gibt noch andere Anzeichen,
die dafür sprechen, dass ich/ wir zu "deutsch" für dieses Land sind. Noch
immer trage ich eine Armbanduhr. Gut, das tut jeder moderne Nepali auch
und doch ist da ein gewisser Unterschied. Ich sehe den Sinn dieser Uhr
auch darin, pünktlich zu getroffenen Verabredungen zu erscheinen. Das
scheint mein Fehler zu sein. Denn ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren,
dass die Nepalis in dieser Hinsicht auch Weingummiuhren, wie man sie früher
am Kiosk kaufen konnte, am Arm tragen könnten. Ein Unterschied bezüglich
ihres pünktlichen Erscheinens wäre sicherlich nicht festzustellen. Komisch,
nur wenn die Zeit des Büroschlusses heranrückt, scheinen bei allen die
Uhren vorzugehen !! Die Weingummiarmbanduhren können einiges nachsichziehen.
Denn weil ja sowieso jeder weiss, dass die anderen unpünktlich kommen,
tut man es selbst natürlich auch. Als erster muss man ja schliesslich
auf alle anderen warten - wie unangenehm. So beginnen Treffen grundsätzlich
später als vereinbart. Eine Stunde ist da nichts - zwei manchmal auch
nicht. Bei einem Treffen des "Präsidenten" unserer Organisation, bei dem
laut Satzung für gültige Entscheidungen ein Drittel der Vorstandsmitglieder
anwesend sein muss, führte das schon manchmal zu skurilen Situationen.
Weil die ersten tatsächlich mit Verspätungen im Minutenbereich eintrafen,
waren sie schon wieder gegangen, als die letzten eineinhalb Stunden später
auftauchten. Die erforderliche Zahl an Personen zur gleichen Zeit in unserem
Büro zu versammeln, gestaltet sich daher manchmal äussert schwierig. Ich
unternahm den Versuch nur noch maximal eine halbe Stunde auf jemanden
zu warten und dann zu gehen. Leider erwies sich dieses Vorgehen immer
dann als schlecht, wenn ich auf denjenigen, der da kommen sollte, angewiesen
war, wie z.B. Handwerkern oder Leute, die einem etwas mitbringen sollten.
In jedem Fall kann man sicher
sein, dass jede (Nach-) Frage an die betreffende Person, die mit einem
"Wann....?" beginnt, mit einem "bholi" - sprich "Morgen" beantwortet wird.
Da zeigt sich dann das Problem von zu engen Übersetzungen, und dem Glauben
an sie. "Bholi" ist vielmehr - wahlweise mit "in einer oder zwei Wochen"
bzw. "in einigen Monaten" oder mit "nie" zu übersetzen.Welche Übersetzung
gerade Gültigkeit hat, liegt leider nicht im eigenen Ermessen. Ausserdem
sagt das dem korrekten Deutschen und Entwicklungshelferneulingen auch
während des Sprachunterrichts keiner. Aber eigene Erfahrungen machen ja
bekanntlich klug.
Ein ähnliches Verhältnis wie
zur Uhrzeit scheinen die Nepalis zu Entscheidungen zu haben. Es ist zwar
schön, wenn man eine getroffen hat, aber das heisst noch lange nicht,
dass man sich daran halten muss.
Ich könnte noch so einiges
typisches Nepalesiches aufzählen, an das ich mich wahrscheinlich nie gewöhnen
werde....Essen ist da ein beliebtes Thema. Es ist nicht der Umstand, dass
die Nepalis zweimal am Tag Daal Bhat (Reis mit Linsensosse) essen, sondern
es ist vielmehr die Art, wie sie essen. Gehen meine Kollegen und ich gemeinsam
in ein Restaurant und stehen nach dem Essen vom Tisch auf, lässt sich
ohne weiteres erkennen, dass dort zwei verschiedene Kulturen am Tisch
gegessen haben. Die Nepaliseite gleicht wie immer einem Schlachtfeld,
auf dem Knochen, Reis und sonstige Überreste auf der (zeitweise vorhandenen)
Tischdecke verstreut liegen. Wir dagegen haben schon in frühester Kindheit
gelernt (erfolgreich), dass man nicht auf die Tischdecke kleckern soll....Kann
sich irgendjemand vorstellen, wie ein Mensch diesen Widerspruch, der sich
da unweigerlich im Kopf aufbaut, überwinden kann ? Unmöglich !!! Aber
auch ohne den Anblick des Tisches, ließe sich ohne weiteres alleine durch
die Geräuschkulisse die jeweilige Kulturzugehörigkeit der Essenden feststellen.
Wenn Schmatzen und Rülpsen tatsächlich Ausdruck dafür ist, dass es geschmeckt
hat, dann muss es den Nepalis immer sagenhaft schmecken. Erstaunlich bei
der Geschwindigkeit, mit der sie die Berge von Reis wegdrücken (5 Minuten
für einen Daal Bhat mit einem Berg Reis an dem wir zu zweit mindestens
1 Woche essen würden, ist eine der leichtesten Übungen). Während meines
Aufenthaltes in der nepalesichen Gastfamilie, ist mir dies alles gar nicht
so aufgefallen, denn da gehörte es dazu und passte in die Situation, aber
im Restaurant, das westliche Welt vortäuscht, sieht die Sache mit einem
Mal ganz anders aus.
Den Umstand, dass sich Gesprächspartner,
während eines Interviews mit mir mit einem Kugelschreiber in den Ohren
bohrten, um dann die Beute vor meinem Augen zu analysieren oder dass sich
unsere Sekretärin, während sie mit an unserer Organistion interessierten
Partnern spricht, mit völliger Selbstverständlichkeit und grosser Hingabe
die letzten Essenreste zwischen den Zähnen hervorholt, verbuche ich heute
nur noch unter "andere Länder, andere Sitten".
Darf ich dies alles den so
offen schreiben ? Oder enttarne ich mich damit nur selbst ? Ist das jetzt
Rassismus, Eurozentrismus oder mangelt es mir schlichtweg an der notwendigen
Offenheit ? Wurde etwa die monatelange Vorbereitungszeit mit Anti-Rassismus-Training
und kulturellem Anpassungsprogramm auf so unfruchtbarem Boden verschwendet
? Der Blick auf meine Kollegen entlastet mein Gewissen !!
Und es bleibt bei der Feststellung:
Mein Kulturschock setzt sich jedenfalls aus vielen kleinen Kulturschöckchen
zusammen, wobei ich nicht weiss, ob es nur die Andersartigkeit der nepalesischen
Kultur ist, die ihn erzeugt oder vielmehr die Erkenntnis, wie sehr ich
den vermeintlich deutschen Attributen verhaftet bin, oder beides....
Es grüsst Euch
Verena
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