Sonntag, 22. Oktober 2000 - Nepal - Vietnam Benchmark

[Hallo Ihr Lieben zu Hause,

anbei schicken wir Euch einmal einen Bericht unserer lieben Kollegin Karla aus Vietnam. Karla war mit uns in Berlin in der Vorbereitung und wir haben untereinander mit einigen regen e-mail Kontakt - so von Leidensgenosse zu Leidensgenosse (ha,ha !!). Fuer uns sind diese Berichte irgendwie beruhigend, da sie zeigen, dass es in anderen Entwicklungslaendern auch nicht anders ist als in Nepal. Wir wuenschen Euch nun viel Spass beim Lesen....

Liebe Gruesse von Verena + Lutz]

Lebensbericht 01 aus Hue

Seit 2.10.2000 lebe und arbeite ich in Hue, Zentralvietnam. Das mit dem Arbeiten ist nicht so ernst zu nehmen, da ich ja erst einmal eine Bleibe finden musste.

Meine schlimmsten Befuerchtungen in Berlin haben sich naemlich bewahrheitet, ich stand sinnbildlich mit meinen zwar nicht mehr 12 Kartons aber dafuer mit viel schwereren 7 Kisten auf dem Marktplatz in Hue, den es nicht gibt, und war obdachlos. Nicht genug damit, mein eigentlicher Projektpartner wollte mich auch nicht haben - jedenfalls hat er mich voerubergehend erst einmal bei den viel netteren Leuten vom Auswaertigen Amt untergestellt, bis der ominoese Neubau fertig ist und aus seiner 10 koepfigen Mannschaft eine/r Englisch gelernt hat - naja.

Und mein Kind teilte mir mit, dass alle sinnvollen und von langer Hand geplanten Fluege innerhalb Vietnams nicht stattfinden, was unsere Woche Zusammensein um 2 Tage verkuerzt und ihr eine unzumutbare Reisedauer beschert.

Dieses Thema haben wir inzwischen bravouroes geloest. Ja, und das fuer den ersten Tag in Hue noch nicht genug war, kam am Abend dann die Absage der Wirtin, bei der schon ich schon mit meinem Gepaeck eingezogen war. Unter dem Begleitschutz meines wirklich sehr hilfreichen KORs (Reinhold), seiner reizenden Frau aus Hue und meinem vietnamesischen Kollegen aus Hanoi haben wir bis Mittwoch verzweifelt erfolglos eine Huette gesucht. Nachdem ich die drei dann nachmittags am Zug abgeliefert hatte, stand ich mutterseelenallein im Hotel in einem ziemlich unzumutbaren Zimmer, wo ich mir dann die naechsten Monate ausmalte. Schwere Depressionen sah ich auf mich zukommen, nichts ahnend von der Regenzeit, die in der Tat ziemlich beschwerlich scheint.

Ein Glueck habe ich wirklich sehr hilfreiche KollegInnen hier in Hue, die mich auch gleich besuchen kommen, so dass ich erfolglos weitersuchen konnte.

In der ersten Woche sah ich 6 Wohnungen/Haeuser. Nicht nur dass manche unzumutbar waren, waren manche auch gar nicht gebaut bzw. noch nicht renoviert oder die komplette Familie wohnte noch darin. Dazu kommt, dass Vietnam ja sozialistisch, buddhistisch, konfusianistisch und Hue provinziell ist. Abgesehen davon, dass ich mich in Asien befinde. Noch nie im Leben zusammen genommen, habe ich sooft gehoert, dass alles kein Problem sei und ich solle mich um Himmels willen nicht sorgen. Alles ist ganz leicht. Und obwohl in Hanoi, wo die Regierung sitzt, gesetzlich geregelt ist, dass Auslaender keinen Mehrpreis fuer Wasser und Strom zahlen muessen - seit Juli - und dass Vermieter keine Sondergenehmigungen brauchen, wenn sie an Fremde vermieten wollen - ist noch jung, erst vom letzten Monat - hat sich das alles noch nicht bis Hue rumgesprochen. Man kann auch sagen, die Provinzen sind eben selbstaendig. Mir wurde allmaehlich klar, dass ich mich auf einen Winter im Hotel einrichten kann.

Da das aber nicht mir entspricht, fing ich an, das "Glueck" zu zwingen, was man tunlichst hier unterlassen sollte!

Ich mietete kurz entschlossen ein winzig kleines huebsches Apartment in der oberen Etage mit offenem Bereich zur Restfamilie, die aber abgesehen von 2 Hunden recht nett schien. Im nachhinein kann ich nur sagen, dass ich das gemacht habe, zeigt mir den Grad meiner Verzweiflung. Es waere absolut furchtbar geworden der Hunde wegen, des Hochwassers wegen, mein Gepaeck haette ich nicht untergebracht und der Weg zur Arbeit waere mit und ohne Hochwasser beschwerlich.

Nachdem der unterschriebene Mietvertrag fuer dieses in der Altstadt gelegene Apartment von Hanoi eingegangen war (!), bot mir die Dame aus dem Hotel, deren Haus ich schon am Dienstag, den 3.10. gesehen hatte, nun doch und endgueltig ihr Haus an.

Vorsichtig, wie ich inzwischen geworden war, habe ich die Draehte nach Hanoi heiss telefoniert. Wo liegt der vietnamesische Pferdefuss? Was mache ich mit dem bereits zustande gekommenen Vertrag mit dem netten Herrn (immerhin hatte er mal Honecker die Hand geschuettelt!), und ueberhaupt. Es war Freitag meiner ersten Woche. Hier muss ich zugeben, dass ich volle Unterstuetzung von Hanoi erfuhr von den Vietnamesen, allen voran Herr Du, aber auch von der BA. In deutscher Art war mir natuerlich mein Sinneswandel total peinlich. Also, um es kurz zu machen, nach zig schlaflosen Naechten und viel Misstrauen bzw. Vorsicht bin ich am 9.10. hier eingezogen und bisher hat mich noch niemand rausgeworfen. Es scheint alles klar und voellig einfach zu sein. Allmaehlich richte ich mich auch innerlich ein, habe fast alles ausgepackt und habe sogar schon ein wenig gearbeitet. Naechstes Abenteuer: Moped kaufen. Oh, der Kauf als solcher ist ja nicht so schwierig, ausser das er leider in solcher Hektik geschah - der Dolmetscher stand neben mir und sagte: Und welches nehmen sie jetzt? Ich haette gern ein wenig Musse gehabt beim Kauf meines ersten Mopeds. Da ich das eine so wenig kannte wie all die anderen 100 Sorten, alle aussehen wie Motorroller und sich fuer mich nur in der Farbe unterscheiden, nahm ich natuerlich das lilafarbene. Das war Freitag vor einer Woche. Auch hier wieder die reizende Ladenbesitzerin: Kein Problem, in einer Woche ist das Ding zugelassen, sprich gestern. Alle erforderlichen Papiere, und das sind nicht wenige, hatten wir in Kopie dabei. Hm. Also gestern haben wir dann weitere Papiere hingetragen, nun kann ich es naechsten Freitag abholen, wo ich aber leider auf dem Wege nach Hanoi bin. Nun aber ganz bestimmt am 29., wenn ich aus Hanoi zurueckkomme. Also genau einen Tag, bevor Mirjam kommt, wo ich doch schon maechtig gewaltig geuebt haben wollte. Internet Anschluss in Hue: Alle erforderlichen Papiere sind im 2. Anlauf noch zu wenig gewesen, ich brauche noch einen Buergen, das Buero, das ueberhaupt nicht meines ist und auch keinen Lohn an mich bezahlt. Ich bin sehr froh, dass ich meinen Anschluss aus Hanoi noch habe, wo dieser Prozess sehr kundenorientiert verlief. Natuerlich habe ich ihn nur, wenn mein Telefon funktioniert, was es seit gestern nachmittag nicht mehr tut. Seit 12 Uhr (16 Uhr jetzt) warte ich auf den Techniker der Post. Ich denke ja, ich werde Montag wieder warten und bis dahin nicht angeschlossen sein. Soviel zur Buerokratie oder Auslaenderfeindlichkeit oder der einen Seite des Lebens in Hue.

Die andere Seite sind die KollegInnen und wieder unheimlich viel erfreuliche Begegnungen mit den Frauen. Heute musste ich doch glatt Ly Ly adoptieren, weil sie mir sagte, ich sei ihre 2 Mutter. Es sind 9 Kinder zu Hause (gewesen), sie ist 27 und hat mich heute bei stroemendem Regen zum Einkaufen abgeholt mit dem Moped ihrer Eltern. Sie und ihre Familie betreiben einen dieser winzigen Einkaufslaeden direkt mir gegenueber. Sie kuemmert sich jetzt auch um eine Haushaltshilfe fuer mich. Mal sehen, wer diesbezueglich siegt. Jedenfalls meine erste Erfahrung mit der Waescherei war sehr teuer. Heute habe ich mein Bad winterfest gemacht. Es glaubt mir ja kein Mensch, dass ich friere und das Thermometer zeigt 25-27 Grad. Der Regen faellt ohne Unterlass und es ist wirklich inzwischen alles klamm. Dem Michi sei ein besonderer Dank gewidmet, der mir ein so wunderbares Geraet aus der Metro mitbrachte, das 90 qm (oder waren es Kubikmeter?) grosse Raeume trockenlegt.

Ich habe es jetzt erst mal im Kleiderschrank deponiert, um den groebsten Schimmel zu verhindern. In der Kommode im Erdgeschoss brennt die ewige Lampe, um die Winterpullover trocken zu halten ebenso ueber den Schuhen - Installationen meiner Wirtin. Im Bad habe ich vor 2 offene Luken Lotte Jacobi geklebt und von der Balkonseite Muelltueten reingesteckt und vor das andere Fenster, wo es immer reinregnet auf meine Kosmetik und auf den Klodeckel habe ich sehr praktisch die Abdeckfolie, von Olli und Lutz empfohlen, geklebt. Es sieht zwar nicht besonders elegant aus, aber ist besser als vorher. Nun kommen zu allen anderen Geraueschen in der Nacht auch das Rascheln der Folie. Letzte Nacht habe ich schon zu Ohropax gegriffen. Der Wind und der Regen geben sich in dieser luftigen Bauweise schon ein herbstliches Ostsee-Stelldichein. Alles klappert. Nachdem mein PC nach der ersten Seite hier abgeschmiert ist, habe ich ihm eine Heizofenrunde gegoennt. Nicht dass ich ihm noch einen Entfeuchter kaufen muss, der kostet ca. 600,-DM.

Ly Lys Schwester, eine der 5, klingelte eben, und versprach den Postdienst in 20 min., sie hatte nochmal angerufen. Das sind die wunderbaren Erfahrungen - ploetzlich bin ich eingebettet in eine Grossfamilie. Also, wie Ihr lesen koennt, bin ich hier schon wieder mal zu Hause. Habe all meine Klemmlampen - Dank an Michi - installiert und natuerlich zu wenig mit, aber wer - ausser mir - konnte schon ahnen, dass ich doch in einen Palast ziehen werde ... Fuer die, die Kontakt zu Mutti haben, habe ich das Bild meiner Eingangshalle gesandt, der Rest des Hauses ist dann muehelos vorstellbar. So elegant wie Verena und Lutz ihre zauberhaften Berichte aus Nepal fotodokumentieren kann ich es leider nicht. Ich bedanke mich auf diesem Wege fuer die Dorfberichte und all die andere liebe Post, die mich abends allein im meinem Palast laut lachen liessen. Ich liebe Eure Post! Und werde sie weiterleiten an meine Familie wie ich auch die von Alex weiter geschickt habe. Manches ist sehr vergleichbar, besonders was die nicht vorhandene Privatsphaere anbelangt. Ly Ly hat sich heute auch gleich einen Besen bei mir geschnappt und ausgefegt, weil es schmutzig aussah. Kein Wunder bei dem Fluss auf der Strasse. Ich habe natuerlich den Vorteil des ALTERS! Jawoll! Und werde aber trotzdem fuer ein wenig krank gehalten wie Verena, weil meine Familie so klein ist. Mutter und Tochter, ist schon duenne. Dafuer habe ich ueberall Fotos von meinen beiden ausgelegt, die sich immer mehr wellen - die Fotos, viel hilft viel.

Ja, weiter zum Haus mit Garten und Fluss direkt vor der Tuer, na, nicht immer, nur bei Flut, die aber wohl noch 2 bis 3 mal kommen kann-wird. Manchen von Euch habe ich ja schon von meiner ersten Fluterfahrung berichtet. Es ist schon komisch. Aber inzwischen bin ich in der ersten Etage gut eingerichtet, der Kuehlschrank steht unten aber etwas erhoeht, so dass ich muehelos 2-3 Tage ueberleben kann. Bier und Schnaps sind vorhanden, sogar ein paar etwas feuchte Kekse und natuerlich Wasser und Tee. Wie das allerdings ohne Elektrizitaet gehen soll, weiss ich nicht. Bei meiner ersten Flut war ich so konsterniert, dass ich erst Fotos machte, als fast alles wieder normal war, aber das naechste Mal mache ich Hochwasserfotos. Arbeit: bei einer sehr flexiblen Arbeitszeit, die bei mir ja noch unterbrochen wird nicht nur von einer 2,5 stuendigen Mittagspause sondern auch von verschiedenen Besorgungen, zu denen ich wie eine Prinzipessin chauffiert werde, habe ich noch keinen Durchblick. Ich schliesse mich ganz Lutz' Erfahrungen an. Befremdlich.

Also meine grosskotzige MBA-Literatur, werde ich leise weinend wieder nach Hause tragen, das was ich vom Leben und vom Geschaeftsleben im Kopf habe, ist alle mal zu viel. Ich muss noch lernen die grosse Begrifflichkeit, derer man sich hier bedient, in einen angemessenen Rahmen zu stellen. Wenn mein eigentlicher Projektpartner sich doch mal sehen laesst und mir eben um die Ohren haut, dass er erwartet, dass ich bis Dezember noch 5 Seminare in 10 seiner 1800 Mitgliedsfirmen halten moechte, nicht mehr und nicht weniger als zu den Theen, die mein MBA Studium umfasste, ergreift mich zunaechst Panik.

Und dann sage ich ganz gelassen, gern schon morgen, ich habe alles parat - auf Englisch. Da wird er naemlich blass, weil er ja niemanden zum Uebersetzen hat. Ausserdem beraten kann man mit Dolmetscher, aber kein Seminar halten.

Uebrigens hat der Postmann eben dreimal geklingelt - neenee, nicht der Techniker - der DED hat meinen Mietvertrag geschickt. Ich bin begeistert! Alles wird gut.

Inzwischen waren meine KollegInnen hier, mein Lieblingsgecko wandert zur Steckdose, das Telefon ist gestoert bis Montag und ich schreibe auf eine bessere Zukunft hin, denn im Buero ist das Modem defekt. Als Abschluß und beim Abwaschen der Glaeser habe ich von Gerda "Aschenbechergymnastik" zum wiederholten Male gehoert. Es ist ein bisschen wie Charms. Ich trage meinen Adidas Jogginganzug und misstraue meinem Thermometer, es zeigt um 22:00 23 Grad. Ist ja nicht so wenig, aber im Verhaeltnis zu den bisher ueblichen 32-38 eben 10-15 Grad weniger. Otto Dix' Anita Berber haengt neben mir und ich fuehle mich total wohl. Vietnamesisch zu lernen, habe ich aufgegeben, um mich mit Behoerden zu streiten, reicht es auch in 2 Jahren nicht, um Seminare zu halten auch nicht, also was soll's.

Ich bewundere Verena und auch Alex, die so tief in die Sprache ihrer Laender eingestiegen sind, dass sie sich offenbar unterhalten koennen. Ich kann nicht einmal die beruehmten Eier von Alex kaufen - aber Bier bestellen! Der sog. Familienaufenthalt, wo ich immer sagte, ich bin keine Familie, ist mir gottlob erspart geblieben, durch eine Grippe, wo der Husten mich immer noch quaelt. Fast haette ich noch "nachsitzen" muessen, weil die BA, die selbst weder EH noch in einem Dorf bisher war, sich raechen wollte. Soviel zum Management in Vietnam.

Zur Belohnung darf ich naechste Woche diverse Projekte im Umfeld von Hue besuchen zusammen mit Andreas Schneider und der BA. Ein echtes Privileg, worum ich nicht gebeten habe, was mich aber freut.

Verena sieht ja aus wie eine Einheimische auf dem wunderhuebschen Familienfoto mit Haarklemmer! (Uebrigens sind auch hier Fotos via Internet kostenintensiv, aber ich habe Eure letzten Berichte im Buero abgefasst, von daher ging es.)

Was mich, seitdem ich in Vietnam bin, stutzig macht, ist dass meine Fingernaegel unheimlich schnell wachsen und relativ stabil sind - ganz anders als in Berlin. Ob Agent Orange solche Auswirkungen hat? Oder das reichhaltige Gemueseangebot?

Jetzt gehe ich mal ins Bett, der Sturm scheint sich beruhigt zu haben. Uebrigens war gestern der 14., nachdem der Tag davor mein Glueckstag war: Freitag, der 13.!

Und heute am Sonntag hat als erste Ly Ly mich angerufen, was bedeutet, dass das Telefon wieder arbeitet! Kurz danch kam der nette Postmensch, liess sich beileibe nicht an der Tuer abwimmeln, wo er nun schon mal hier war und da hat er gleich meine Strippe fuer die Internetverbindung oben repariert, ist ja auch schoen. Mal gucken, wie die Rechnung aussieht. Also, da soll noch einer sagen, die Post arbeitet nicht am Sonntag. Ly Ly hat aber gestern noch 2x angerufen und war heute auf der Post, die auch sonntags geoeffnet hat.

Eben war sie mit einer aelteren Dame (50?) hier, die eine etwas ueberhoehte Vorstellung von dem hatte, was ich monatlich zu zahlen bereit bin. So denke ich drueber nach, denn meine Wirtin rief mich auch an und wollte mir ihrerseits eine Hilfe vorbeibringen. Na, laeuft doch alles seinen entwickelten sozialistischen Gang!

Heute regnet es auch gar nicht! Sogar die Sonne schien schon. Nun werde ich mal meiner Lady den Mietvertrag vorbeitragen, damit auch das auch de Reihe kommt.

Summa summarum kann ich nur immer wieder sagen, es war eine besten Lebensideen, mich beim DED zu bewerben. Fuer alle, die meine Adresse noch nicht haben:

8 Nguyen Cong Tru
Hue
Vietnam
Tel: +84-54-845 444
mobile +84-9145 80 23.

Bleibt mir gewogen und gesund. Herzlich gruesst Euch Eure Karla aus einem sehr herbstlichen Hue.