Montag,
20. November 2000

Lebensbericht 02 aus Hue - 17.10.2000

Bevor die naechste Flut heraufbricht, noch einige Nachtraege: Als ich an meinem ersten Abend in diesem wunderschoenen Haus auspackte, all meine sieben Sachen, ging ich nichtsahnend in die Kueche, um einige charmante Glaeser in den Kuechenschrank zu stellen - natuerlich trinkt man daraus weder Champagner, Cocktails noch Rotwein, aber huebsch sehen sie aus - als ich knoecheltief in Wasser versank. Naja, knoecheltief ist vielleicht etwas uebertrieben aber ziemlich tief. Ich war sehr erschrocken, glaubte an Rohrbrueche oder aehnliches, machte schnell Licht an und sah, dass aus dem Abfluss - weiss nicht mehr, warum das Ding so heisst - springbrunnenartig das Wasser emporschoss. Mir fiel sofort der Zauberlehrling ein, damit war ich aber noch nicht gerettet. Ich habe naemlich eine sehr akkurate Wirtin (aehnlich wie der Vermieter in der Sigismundstr. fuer die Simflex), was ja immer Vor- und Nachteile hat. Also, habe ich sofort angerufen, wie gesagt, ich war gerade 1 Stunde im Haus. Naja, alles kein Problem, das ist immer so und hoert schon wieder auf - falls der Regen nachlaesst. Nun gehe ich mit gebotener Vorsicht in die Kueche, denn es regnet wieder und die Flut ist da, aber noch nicht in der Strasse, dafuer an dem Hotel, in dem ich gewohnt habe.

So, in dieser Nacht, der ersten, war ich auch unten, ich schlafe oben, weiss nicht mehr warum ich nachts runter ging, vermutlich, um den Wasserstand in der Kueche zu pruefen. Da hoerte ich doch emsiges Rascheln unter der Treppe, wo natuerlich eine Menge Krusch von meiner (akkuraten) Wirtin uebergeblieben war - nein, auch Fliesen, das ist ja o.k. Tapfer wie wir Weiber sind (s. Verena) habe ich mit der Taschenlampe kraeftig geleuchtet, am Treppengelaender geklopft - habe ich seither immer gemacht - und anschliessend meine Schlafzimmertuer geschlossen. Ihr Lieben, manchmal komme ich mir ganz schoen heldenhaft vor. Nun, nachdem ich eine mich so beglueckende Haushaltshilfe habe, habe ich den Krusch in das Gartenhaeuschen tragen lassen, und hoffe, dem kleinen Nager somit den Garaus gemacht zu haben. Bei naechtlichen Inspektionsgaengen war jedenfalls nichts mehr zu hoeren. Uebrigens hat meine Zugehfrau mir am zweiten Tag ihrer Taetigkeit bei mir eine zauberhafte Rose - mit Vase - geschenkt. Ich war ganz geruehrt. Vermutlich werde ich sie dann mit nach Berlin nehmen muessen, schliesslich kostet sie weniger den ganzen (halbstags) Monat als meine Chinesinnen in Berlin fuer einen halben Tag. Ich glaube, dass man sich ganz schoen an solchen Schlendrian gewoehnen kann. Allerdings habe ich das Bereiten des Fruehstuecks dankend abgelehnt, eine Vietnamesin, die Muesli "kocht", ist schon etwas abartig. Ausserdem brauche ich diese Prozedur, um wach zu werden. Leider kann ich meine Musik von unten nicht hoeren, da der Regen so prasselt. Es ist wirklich wie in meiner Kindheit. Wenn der Regen so aufs Dach prasselte bei Oma Gau. Ob morgen nun meine Kollegen (Chefs!) aus Hanoi hier ankommen werden, ist ungewiss, da vielleicht gar kein Flieger ankommen wird. Es ist auf alle Faelle besser in diesen etwas unsicheren Zeiten, Fluege von Danang aus zu buchen.

11.11.00 (11:11 ist vorbei)

Also, ich kann nur sagen, es ist nicht so leicht, Euch auf dem aktuellen Stand des Geschehens zu halten. Doch, die BA und der Typ - Andreas - aus Berlin/Bonn waren hier und ich habe die Zeit waehrend der Projektbesuche im Umkreis von Hue sehr genossen. Habe ich doch eine Menge wieder ueber Land und Leute, aber auch ueber den DED gelernt. Andreas kannte ich schon von Berlin, er ist sehr in Ordnung und hat mir/uns offenbar auch ziemlich Schuetzenhilfe gegen unser (Mis)Management hier geliefert. Am 19.10. waren wir in Hue unterwegs bei medizinischen Einrichtungen u.a. Peacevillage, einer Deutschen Stiftung aus Oberhausen (?) fuer behinderte Kinder, die dort (also in Hue) fuer 3-6 Monate mit ihren Eltern untergebracht werden, um die Eltern zu trainieren, wie sie mit den Kindern umgehen koennen/muessen. Sie bekommen z.T. auch Geh- bzw. Sitzhilfen oder Rollstuehle mit nach Hause. Diese Familien werden durch Helfer auf den Doerfern aufgespuert und dann hergebeten. Es ist eine gute Sache. Also wer Rollstuehle oder alte Gehhilfen etc. bei sich zu Hause weiss, bitte Bescheid geben, der Transport ist gesichert! Das naechste Projekt geht von einem so mitreissenden Arzt aus (dementi gegen Alex, aber ich halte normalerweise auch nichts von dieser Gattung!), dass man bereit ist, ihm a) alles zu glauben und b) sofort bereit ist, Vater und Mutter zu verkaufen, um in dem Projekt mitzuarbeiten. Wie Ihr merkt, bin ich auf medizinischen Abwegen, denn mein Geschaeft ist ja eigentlich die Beratung der kleinen Unternehmen! Also, dieser Doktor bildet taubstumme Jugendliche aus zu NaeherInnen und sie haben auch Auftraege z.B. fuer Krankenhauskleidung; er hat eine traditionelle Musikgruppe gegruendet fuer blinde Jugendliche und ist staendig auf der Suche danach, was er noch tun kann, um die Familien der behinderten Kinder zu entlasten und den Jugendlichen zu einem eigenstaendigen Leben zu verhelfen. So wurden Naehmaschinen gesponsert, EIN Buegeleisen - von einem durchreisenden deutschen Ehepaar - etc. Die naechste Gruppe schnitzte Touristensouvenirs - naja. Aber es laufen hier ja genug rum, die auch was kaufen und der Meister, nicht taubstumm, war handwerklich sehr gut. So hat man 2 Lehrer: einen der sozusagen eine sonderschulpaedagogische Ausbildung hat und einer ,der das Handwerk beherrscht. Nebenbei forscht der Doktor noch am Foetus (oder bei den Eltern?), um die Behinderung fruehzeitg erkennen zu koennen. Er hat selbst Apparate gebaut, die die Temperatur konstant halten und einen keimfreien Raum fuer Blutuntersuchungen. Mirjam war mit in diesen Einrichtungen und das arme Kind hat jetzt natuerlich die ehrenwerte Aufgabe, neben vielem anderen, sich weltweit um Sponsoren, Naehmaschinen, Rollstuehle etc. zu kuemmern. Wie Ihr alle auch, die Ihr das lest. Dann waren wir in Hue in einer Bronzefabrik, wo Andreas meinte, dass die Bronzezeit ja wohl hier ihren Anfang genommen habe. Wer es nicht gesehen hat, wird es nicht glauben. Wir haben Fotos gemacht. Es erhob sich nicht nur fuer mich die bange Frage, was mache ICH hier? Ich hatte schon Angst, Andreas will mich rausschmeissen wegen Ueberqualifizierung. Abgesehen davon, dass die Leute wirklich ziemlich arm sind, wirken sie aber auch total demotiviert - staatlicher Betrieb. Es ist schwierig. Am naechsten Tag fuhren wir dann nach Norden auf eine Kaffee- und Pfefferplantage. Nein, Freunde, wenn das nicht die abgewickelte DDR war ...

Die Plantage befindet sich in der DMZ (demilitarisierte Zone) nahe der Grenze zu Laos, wo der Krieg ziemlich getobt hat. Es gibt ein kleines "Museum", also Fotos, vorher-nachher. Es sollen Mengen von Kriegsgut (Schrott) dort vergraben sein. Der jetzige Direktor hat offenbar sehr aktiv an dem Wiederaufbau dieses Gebietes mitgearbeitet, er ist auf allen Fotos stolz zu sehen. Dann wurde das KOMBINAT Kaffee-Pfeffer mit 6000 Angestellten gegruendet - na, kommt das manchen bekannt vor - und dann kam die Wende, sagen wir in Deutschland. Hier ist es nicht anders: Der Mann sitzt dort und begreift die Zeitenwende nicht. Von seinen Mitarbeitern sind noch 12 (zwoelf!) bis Jahresende dort und nach unserer Prognose wird dieser Rest ganz schnell verschwinden, weil die Bauern ihr eigenes Ding drehen. Tja, das waren Erfahrungen auf ganz anderem Gebiet. Am 20.10. sind wir dann alle nach Bach Ma zu Stefan in den Nationalpark gefahren. Er hat die ehrenwerte Aufgabe die Pufferzone zu managen. Das bedeutet, dass die aermsten der Armen - und sie sind es wirklich - aufhoeren sollen im Nationalpark zu wildern und zu holzen. Also muss ein alternativer Broterwerb her. Aber woher nehmen und eben NICHT stehlen? Und wenn das dann evtl. doch eines Tages erreicht sein sollte (?), dann baut der Staat die Nationalstrasse 1 direkt durch den Nationalpark. Na, ist das nicht wunderbar?! Aber die Strasse brauchen wir natuerlich auch. Schwierig und komplex, ich lerne immer mehr mit UND statt mit ODER zu leben und so zu denken wie die Vietnamesen. Dann ging es ab nach Danang, suedlich von Hue, und mit dem Flieger nach Hanoi. So hatte ich das Wochenende in Hanoi und lebte wieder in meinem Lieblingszimmer mit Blick auf den See. Leider nahm dann ab Dienstag die VV (Vollversammlung) ihren Lauf, sprich meetings ohne Sinn und Verstand bis Samstag abend. Na ja, manches war schon ganz in Ordnung, aber haette in der Haelfte der Zeit absolviert werden koennen. Ich hatte mich dann so aufgeregt, dass mir schlecht war und ich den Tag "PARTIZIPATION" - keiner weiss, was das ist, aber alle reden drueber, im Bett verbrachte und auch am naechsten Tag noch sehr schwaechlich wirkte, so dass ich erst die Nachmittagsveranstaltung besuchen konnte. Ich habe buchstaeblich nichts versaeumt! Sonntag, den 29.10., ging es dann wieder mit dem selbst bezahlten Flugzeug (DED zahlt nur die Bahnfahrt) nach Hue. Ich war so froh wieder hier zu sein, obwohl ich in Hanoi doch stark die Trockenheit genoss und erst wusste, warum ich in Hue so gefroren habe. Aber nun hatte ich vom 20.10. bis 10.11. keinen Regen mehr und besitze seit 31.10. einen Dehumifier (Raumentfeuchter, der sogar vom DED ab jetzt ezahlt wird, JUHU!!), der jetzt endlich zum Einsatz kommt! Am 30.10. holte ich mit dem Dienstbus und dem nettesten Fahrer der Welt mein Lieblinsgkind in Danang ab. Fahrt wieder ueber den Wolkenpass, diesmal doch bei Regen. Mirjam kam puenktlich, ich war aufgeregt wie immer, wenn ich das Kind wiedersehen kann und es begann eine wundervolle Woche. Naechsten Tag Abstecher nach Hoi An, Unesco Welt Kulturerbe, dann nach Hue. Mein Buero, nicht umsonst heissen sie ja fuer "fremde Affaeren" (Foreign Affairs), kuemmerte sich ruehrend um Mirjam. Sie begleitete mich ueberall hin, s.o. und die restliche Zeit wurde ihr ein Touristenprogramm kredenzt, dass wir froh waren, wenn wir wenigstens nicht noch ein Nachtprogramm hatten. Am 6.11. flog sie via Saigon, - wo ein ehemaliger Kolllege von meiner Freundin Frauke sie 6 Stunden betreute, was heisst, dass Mirjam auch noch Saigon gesehen hat, - nach Singapore und kam wohlbehalten in Amsterdam an. Dort ist sie heute nicht mehr, weil sie bereits auf dem Wege nach USA ist. Ich habe gelitten, alles war ploetzlich leer, aber mein Lieblingskollege (so alt wie Mirjam) sagte, das dauert nur 2-3 Tage! So war es. Es bleibt aufregend und manchmal ist es aergerlich. Mein Moped bspw. ist wieder im Laden, wo es gekauft wurde, hat wieder Probleme und immer noch kein Nummernschild. Mein Projekttraeger betet zum 4. Mal meine Arbeitsplatzbeschreibung runter, nennt das Arbeitsplan und will nur den neuen Rechner und Geld. Schade, ich haette gern mit ihm gearbeitet. Ich bin zu neuen Ehren gekommen, vielleicht hat der Besuch von Andreas doch was bewirkt, und kann mitwirken an der Pruefung neuer Projektplaetze, nachdem Stefan und ich uns ziemlich ueber die luschige Projektplatzpruefung hier in Vietnam aufgeregt haben. Das wurde von Andreas auch lautstark bemaengelt. So fahre ich am 17. nach Hanoi, von dort nach Sueden, Vinh, bleibe dortselbst die Woche ueber, dann wieder Hanoi, 27./28.11. schriftliche Nacharbeit und am 29. zurueck nach Hue. Na, und dann ist ja gleich mein Abflug nach Berlin (28.12.). So verfliegt die Zeit, nichts ist bewegt, ich habe einige Firmen besucht, keinem geholfen, bin aber allen mit Ehrfurcht begegnet. Heute war ich wieder mit Ly Ly unterwegs. Gestern abend hat sie mich ihren Eltern vorgestellt; total suesse Leute, 64 und 67 mit 9 Kindern - ich schrieb es schon. Vermutlich werde ich auch das TETfest bei Ihnen eingeladen. Gehoere ja quasi mit zur Familie, weil ich immer so viel Bier trinke aus ihrem kleinen Laden. Sie ist wirklich eine ganz Suesse, die auch immer sehr gut verhandeln (bargain) kann. Wir haben heute vietnamesischen Transport gespielt: Riesenblumentopf fuer mich zwischen uns auf dem Moped bei Regen. Lila Blüten. Gestern abend holte sie mich ab, um mit mir in die Stadt zu fahren. Na, erstens dachte ich, ich wohne in der Stadt, aber dazu muss man wissen, dass die Vietnamesen keinen Schritt laufen, und zweitens war ich sehr neugierig, wohin sie mich ausfuehren wird. Ich mich also aufgemoeppt, Geld eingesteckt und aufs Moped gestiegen - nach Elternbesuch. Sie fuhr los, hierhin, dahin, ueber die Bruecke ueber jene - tja, und das war's. Man faehrt hier bummeln! Sehen und gesehen werden findet so auch statt, denn man faehrt so satte 15 kmh. Jetzt ist mir auch das hohe Verkehrsaufkommen in Hanoi in bestimmten Strassen am Wochenende klar. Sie wollen nirgendwohin, sie fahren nur! So, Ihr Lieben, das mag genuegen fuer die naechsten Wochen, ich muss noch was esen gehen, habe heute nicht gekocht bekommen von meiner Zugehfrau, die mich werktags so ruehrend bekocht und mit mir zusammen isst. Heute abend kommt meine Kollegin, wir wollen Mozart hoeren bei mir, sie liebt ihn und weiss verdammt gut Bescheid ueber ihn. Ich vermisse die Deutsche Sprache und habe den Eindruck, dass meine Englischkenntnisse abnehmen, von der Aussprache ganz zu schweigen. Vietnamesisch benutze ich nicht und habe so auch alles vergessen.

Seid allerliebst gegruesst von Eurer Karla