Dienstag, 12. Dezember 2000

Teil II: "far west" Geschichte

....so, da bin ich wieder....

manchen von Euch habe ich schon ein paar Zeilen ueber den fernen Westen geschrieben.....nun hier die ausfuehrliche Version.

Meine Organistion, bei der ich sozusagen als "Management-Beraterin" als Entwicklungshelferin taetig bin, hat mit der GTZ (grosse deutsche Organistion) im Distrikt Doti ein Projekt zur "Reduzierung von Kinderarbeit". D.h. die GTZ stellt die Projektleitung und die Gelder dafuer und u.a. meine Organisation ist fuer die Durchfuehrung zustaendig. Das Projekt laueft seit 1 Jahr und nun war eine Woche lang vor Ort, eine 1 woechige Projektplatzbeurteilung. Im Auftrag meiner Organistion sollte ich daran teilnehmen um kennenzulernen wie die Arbeit dort draussen im "Feld" so ablaeuft und wo die Schwierigkeiten der Durchfuehrung liegen. Ich hatte Glueck und fand ein Plaetzchen in einem der dicken GTZ-Jeeps, der mich zu Hause abgeholt hat. Die erste Strecke fuehrte uns von Bharatpur nach Nepalgunj. Das dauerte 7 Stunden. Nepalgunj, wenn ihr mal auf der Karte schauen wollt, liegt nahe an der indischen Grenze, also suedwestlich. Nepalgunj ist eine groessere Stadt mit ca. 50 000 Einwohnern und gilt als eine der heissesten Staedte in Nepal. Im Sommer hat es dort bis zu 48 Grad im Schatten !!!!

Nepalgunj war unsere erste Uebernachtungsstation. Als wir ankamen war es bereits 18 Uhr und schon dunkel. Der Fahrer kam ja aus Kathmandu und hatte schon 4 Stunden Fahrt hinter sich als er mich abholte.

In Nepalgunj traf ich mich mit einer Kollegin, Martina, dort habe ich auch uebernachtet. Das Netz der DED EH´s ist gut ausgebaut und so trifft man fast ueberall auf Kollegen, bei denen man sich einnisten kann. Aber wir, Matina und ich, haben uns auch gefreut, so mal richtig quatschen und so....zufaellig war dann auch noch Dorit (andere Kollegin) da, die von einen "Feld-Besuch" zurueckkam. So verbrachten wir 3 Maedels einen netten Abend in Nepalgunj zusammen. Im EH´s -Jargon heisst es immer "Nepalgunj oder gar nicht" - wegen der im Sommer so unertraeglichen Temperaturen.....

Am naechsten Tag holte mich mein Fahrer und sein dicker Jeep erst um 11 Uhr ab....wir mussten noch 2 GTZ-Mitarbeiter am Flughafen abholen, die kamen erst um 1/2 12 Uhr an. Tja, wenn man bei der GTZ arbeitet, dann fliegt man solche Strecken und muss nicht im Jeep fahren.....man nennt sowas wohl auch effektive Arbeitszeitausnutzung...!! Es kam aber nur 1 GTZ-Mitarbeiter und 1 ganz wichtiger Mann....Mr. Tamraka, Under Secretary of Ministy of Labour and Transport !!!! sozusagen die rechte Hand des Ministers !!! Das war vielleicht ne´ Nummer sag ich Euch....so eine truebe Tasse habe ich selten kennengelernt....wir haben ihn spaeter "Maulwurf" genannt (aber das auch an spaeterer Stelle). Als wir die beiden eingeladen hatten, ging es nun weiter nach Dadheldhura. Wieder 7 Stunden Fahrt lagen vor uns. Dadheldhura liegt nun von Nepalgunj aus Richtung Norden in die Berge. Nach noch nicht einmal 2 Stunden Fahrt mussten wir anhalten.....3 Nepalis an Bord.....es war "dhaalbhaat"-Zeit !!!! Wie ihr ja wisst.....Nepalis sterben, wenn sie nicht 2 x am Tag ihre "Reispampe" essen !!!! Und normalerweise gibt es den ersten dhaalbhaat am Morgen und jetzt war ja schon Mittag....also waren die 3 Herren kurz vorm "Abnippeln".

Mr. Tamraka hat die ganze Fahrt ueber voller Stolz erzaehlt wo er ueberall auf der Welt schon war.....New York (hat die World Bank bezahlt !!), Bangkok (hat irgendeine asiatische Organisation bezahlt) und wow !!! in Frankfurt. Auf meine Frage was er denn so besichtigt hat in Frankfurt und wie es ihm gefallen haette, rueckte er mit der Wahrheit raus.....er war nur am Flughafen im Transit auf dem Weg nach New York !!!! Im Distrikt Doti (eine der aermsten Regionen Nepals) war er jedoch noch nie !!!! Das war sein erster Trip dorthin. Da war ich schon etwas erstaunt, wo er doch fuer die Genehmigung solcher Projekte zustaendig ist.....

Weiterhin loecherte er mich mit Fragen Deutschland betreffen....ob es bei uns kalt sei und wie wir den so heizen wuerden und wie das so mit warmen Wasser sei.....tja, als ich ihm erklaerte, dass bei uns warmes Wasser 24 Stunden aus dem Wasserhahn fliesst und alle Wohnungen sowas wie z.B. Zentralheizung haben, war er platt....ich dachte er war schon mal in New York ???!!!!

Aber ansonsten war die Fahrt sehr, sehr schoen. Zunaechst noch durch das Flachland des Suedens, wo alle Menschen zur Zeit mit der Reisernte beschaeftigt - der Reis wird zuerst von den Bueffeln plattgetreten, danach wird er von den Menschen per Hand rausgeschlagen....das leere Stroh dann zu kleinen Haeuschen aufgetuermt. Danach geht es immer weiter und steiler in die Berge....die Strassen werden immer schlechter und sind zum Schluss nur noch Feldwege (man bedenke ist aber die Hauptversorgungsstrecke nach far west) und tiefen Schlagloechern. Die Landschaft atemberaubend schoen. Im Hintergrund das Himalaya im Vordergrund noch das Flachland des Suedens. In Dadheldhura sind wir erst um 19 Uhr angekommen und es war bitterkalt. Das erste Mal, dass ich die Kaelte der Bergregion zu spueren bekam -wir befanden uns ja auch auf 2500 m. Uebernachtet haben wir in einem Guesthouse der GTZ. Die GTZ hat dort noch ein anderes Projekt, GTZ - Food for Work, ein Strassenbauprojekt. Das Guesthouse war sehr nett, aber eben ohne Heizung....die Nacht war bitter.....trotz warmen Schlafsack....am Schlimmsten war das Aufstehen....um 6 Uhr musste ich raus aus den Federn (??) und fror mir einen ab.

Nicht, dass ich so frueh raus musste, nein, kalt war es auch noch.....und meine 3 nepalischen Herren, die mir gleich gegenueber das Zimmer hatten, gingen der ihnen vertrauten, mir weniger, Morgenreinigung nach....was das ist ??....Kollegen, die bereits schon 2 Jahre oder laenger da sind meinten, das sei was woran man sich als zivilisierter Westler nie dran gewoehnt.....seid ihr empfindlich ? - egal, - also morgens muss sich ein Nepali (egal ob Weiblein oder Maennlein) Hals und Hirn reinigen, d.h. sie ziehen sich lautstark alles von unten aus der Lunge oder sonstwo hoch und rotzen es irgendwo hin....(sorry fuer den Ausdruck) ist aber so....und dann muessen sie sich noch die Nase reinigen. Dafuer nimmt man aber kein Taschentuch, sondern die Finger....und wenn an den Fingern was haengen bleibt, es wird sich schon was finden wo man die Finger abputzen kann und wenn es die naechste Wand ist oder der Vorhang zum Beispiel.....

.....also der Morgen begann nicht gerade romantisch !!! Die Weiterfahrt zu unserem Zielort Sighadi dauerte dann allerdings nur noch 3 Stunden. Wieder eine Fahrt durch Berg und Tal und die Landschaft und malerischen Doerfer stimmten mich bald versoehnlich. Ausserdem wusste ich, dass ich in Silghadi wieder auf 2 "normale" Menschen, in Form von EH- Kollegen stosse.

Im GTZ-Headquater des Projekts empfing man uns mit einem Fruehstueck. Tee und Spiegeleier....das tat gut !! Danach bin ich erst mal zu meiner Kollegin Dorothee gefahren worden, um meine 7 Sachen abzuliefern. Dorothee arbeitet dort im landwirtschaftlichen Bereich mit Frauengruppen - zeigt denen wie man Viehzucht betreibt und wie man damit umgeht und wie man Krankheiten vom Vieh bekaempft und erkennt und wie man Vieh halten muss, damit sie nicht staendig sterben etc. Tja, so bin ich nun nach 2 1/2 Tagen Fahrt angekommen.

Uebernachtet habe ich dann bei Bodo + Manuela, Bodo arbeitet dort oben fuer den DED als Wasserbauingenieur. Bodo + Manuela haben sich dort ein kleines Steinhaus eingerichtet und zu einem Schmuckstueck gemacht. Bodo hat dort Waende rausgerissen, versetzt, Tueren eingebaut, ein Badezimmer eingebaut etc., eine Toilette gebaut, sogar ein richtiges "Westklo" mit Spuelung und so....(ist nicht so ueblich da auf dem Berg, auf 2500 Hoehe und jenseits jeglicher Zivilisation). Das Toilettenhaeuschen ist zwar ausserhalb und bei der Kaelte ueberlegt man es sich schon genau ob man nun muss oder doch lieber nicht....und im selbstgebauten Badezimmer gibt es auch kein heisses Wasser....ich habe 2 Tage nicht geduscht....und Heizung gibt es nur in Form eines Kerosinofen, den haben Dorothee, Bodo + Manuela aber nur deswegen, weil sie EH´s beim DED sind, was heisst die Menschen dort haben solch´ einen Luxus nicht !!

Aufgrund dieser Abgeschiedenheit dort oben in Silghadi wird man sehr haeuslich und kocht gerne....(Aussage Bodo+Manuela) - Kneipen, Restaurants ? - gibt es nicht. Nur irgendwelche "dhaalbhaat"-Schuppen.....und so kochten wir abends zusammen - Griesschnitten mit Apfelmus....herrlich !!!

Nun, ich war ja nicht nur zum Vergnuegen da....Am ersten Tag war ein workshop angesagt, den ein von der GTZ engagierter Consultant aus Deutschland gehalten hat. War ein ganz netter Typ. Thema war Monitoring & Evaluation fuer die beteiligten Organisationen. Am 2. Tag ging es dann endlich ins "Feld".

Um 1/2 6 Uhr musste ich aufstehen und um 1/2 / Uhr dann parat stehen. Wir mussten zuerst noch 2 Stunden wieder ins Tal fahren um dann von dort wieder auf einen anderen Berg aufsteigen zu koennen. Das Dorf welches wir besichtigen wollten, lag auf einem anderen Berg....dort fuehrt keine Strasse mehr hin. Der Aufstieg dauerte so ca. 3 Stunden und war ziemlich steil.....Unser lieber Mr. Tamraka (Under Secretary...) war ganz schoen schwach auf der Brust und kroch wie eine Schnecke den Berg hoch.....wir dachten schon wir muessten Traeger organisieren....

Ich wusste aber ehrlich gesagt auch nicht so recht, ob ich nicht schlapp machen wuerde....aber da ich nur mit Maennern unterwegs war und die nepalischen Maenner ja immer meinen sie seien die Groessten und Tollsten und mir nicht zutrauten als deutsche Weissnase, dass ich da hoch komm - da habe ich vielleicht ein Ehrgeiz entwickelt....das koennt ihr mir glauben !!! Zum Schluss hatte ich den Triumph auf meiner Seite....zusammen mit Eberhard (dem GTZ Consultant) war ich als erster auf dem Berg und die nepalischen "Supermaenner" kamen erst gute 15 Minuten nach uns...worueber "mann" dann kein Wort mehr verloren hat....natuerlich !!!

Unterwegs auf den Berg ist uns der Alltag dieser armen Bergbevoelkerung begegnet. Frauen und junge Maedchen (Alter zwischen 10-16 Jahren) die auf dem Weg nach unten ins Tal waren oder zum Teil schon wieder zurueck nach oben ins Dorf. In den Bergdoerfern gibt es weder Wasser, noch Futtergras fuer die Tiere, noch Brennholz zum Heizen oder Kochen. Das muessen die Frauen und Maedchen jeden Tag holen gehen. Und vielleicht koennt ihr Euch die Lasten vorstellen die sie dabei zu tragen haben. Unglaublich !!! Barfuss mit duennen Kleidchen oder Saris bekleidet rennen sie den Berg runter und mit schweren Lasten wieder hoch. Wir schaemen uns fast mit unserer warmen Schuhen und Jacken....wir haben keine Lasten zu tragen und sind oben angekommen ganz schoen aus der Puste !!!

Da wurde uns ganz schnell das Ausmass der Armut bewusst, das hier herrscht. Und nicht nur die Armut, auch die ganzen Probleme der Kultur. Junge Maedchen werden hier noch regelmaessig zwischen 10-16 Jahren verheiratet. Danach muessen sie dann von ihrer eigenen Familie weg in die Familie des Ehemanns ziehen und dienen dort ausschliesslich als billige Arbeitskraft und muessen dort die ganze Familie versorgen. Sobald sie Kinder in die Welt setzten koennen, muessen sie das dann auch. Diese sind notwendig um weitere Arbeitskraefte zu gewinnen und die Eltern dann mal im Alter zu versorgen. So ist das Leben dort......ich war zutiefst entsetzt. Die Kindersterblichkeit ist in diesen Gebieten entsprechend hoch. Von durchschnittlich 5 Kinder sterben 3 in den ersten 5 Lebenjahren. Das spricht Baende. Nun habe ich auch begriffen, warum solche Projekte sehr schwierig sind durchzufuehren. Bevor man damit beginnt die "Kinderarbeit" zu reduzieren und Kindergaerten aufbaut und versucht die Familien dazu zu bewegen ihre Kinder in Schulen zu schicken, muss man zunaechst erst mal mit den Erwachsenen anfangen. Bewusstsein zu schaffen warum Kinder ein Recht auf Kindheit und Bildung haben. Und man muss den Erwachsenen beibringen wie man "Einkommenschaffende Massnahmen" ergreifen kann. Wie z.B. Gemuesegaerten anlegen, Getreide anbauen, Viehzucht betreiben....ja, es ist tatsaechlich so, dass die Menschen nicht wissen wie das geht....ich war auch so ratlos wie ihr, die das jetzt lest....

Nun, das Projekt dort im Distrikt laeuft ja schon seit 1 Jahr und es sind auch durchaus Erfolge sichtbar. Es gibt in diesem Dorf schon einen kleinen "Kindergarten" fuer die Kleinsten. Diesen haben wir besichtigt und die Kinder haben fuer uns ein Lied gesungen. Das war sehr nett !! Unten im Tal wurden auch schon ein paar sogenannte "child care center" errichtet, wo die Kinder spielen, singen, basteln lernen. Auch Schulen werden unterstuetzt und es gibt einige Lehrer-Eltern-Schueler-Initiativen die an der Aufklaerung arbeitet. Es tut sich was, wenn auch langsam. Und die Zustaende der Schulen sind auch sehr erbaermlich, nicht zu sprechen von den Zustaenden der Kinder....kaum Kleidung am Leibe....

Am Abend sind wir zurueckgekehrt nach Silghadi - ich war erschoepft und niedergeschlagen....zum Glueck gab es bei Bodo was feines zu essen und wir sassen zu viert (Dorothee, Manuela, Bodo, Eberhard + ich) zusammen und diskutierten ueber die Moeglichkeiten der Entwicklungspolitik und was daraus gemacht wird.....

Am naechsten Morgen dann mussten wir wieder frueh raus....1/2 5 Uhr.....wir wollten von Silghadi bis Nepalgunj durchfahren....bedeutete 11 Stunden Fahrt !!!

Nach einer "dhaalbhaat"-Pause und weiteren 3 Teepausen sind wir am Abend gluecklich in Nepalgunj gelandet und ich war froh wieder ein nettes Plaetzchen mit warmen Wasser bei Martina gefunden zu haben.

Am naechsten Tag gings dann wieder nach Hause....ich war schon um 14 Uhr da und freute mich sehr auf unsere "Luxusunterkunft" in Bharatpur - eine heisse Dusche und dann ab auf die Terrasse zum Sonnen und Nachdenken......

Der Trip war anstrengend, erkenntnissreich und auch schoen. Demnaechst soll ich wieder mit ins "Feld", diesmal in den fernen Osten. Bin gespannt was mich dort erwartet ?!!

Ich habe natuerlich auch Bilder gemacht.....aber wegen dem immernoch bestehenden Computerproblem, kann ich diese nicht in den Text einbauen und dieser langen mail auch nicht anhaengen. Deshalb muss ich Euch noch eine 3. mail mit den Bildern schicken. Ich denke soviel muss man nicht dazu erklaeren.....die wunderbare Landschaft, eine der Frauengruppen, Kinder....Kindergarten, Schule....lasst die Bilder auf Euch wirken !!!

In diesem Sinne liebe Gruesse aus Nepal von

Verena